Kriminologische Nova · 2022-08-08 · Dortmund, Nordrhein-Westfalen · 2 Min.
Tödlicher Polizeieinsatz gegen suizidalen Sechzehnjährigen in Dortmund
Zwölf Polizeibeamte erschossen einen 16-Jährigen in einer psychischen Krise mit sechs Schüssen aus Maschinenpistolen, nachdem ein Taser-Einsatz wirkungslos geblieben war, wobei der Fall die strukturelle Abwesenheit spezialisierter Kriseninterventionsteams für psychisch erkrankte Personen im deutschen Polizeisystem offenlegte.
Zwölf Beamte gegen einen Jungen mit Messer. Der Taser versagte. Was blieb, war die Maschinenpistole.
Am 8. August 2022 wurde die Dortmunder Polizei zu einer Jugendhilfeeinrichtung gerufen, in der ein 16-jähriger Bewohner mit einem Messer hantierte und sich in einer akuten psychischen Krise befand. Zwölf Beamte rückten an. Der Jugendliche kam mit dem Messer auf die Beamten zu. Ein Taser-Einsatz blieb ohne Wirkung. Mehrere Beamte eröffneten das Feuer aus Maschinenpistolen. Sechs Schüsse trafen den Jugendlichen. Er starb noch am Einsatzort.
Die Staatsanwaltschaft Dortmund stellte die Ermittlungen gegen die Schützen ein und bewertete den Schusswaffeneinsatz als verhältnismäßig in einer Notwehrsituation. Das Ergebnis war juristisch haltbar und gesellschaftlich schwer vermittelbar. Ein Mensch in einer suizidalen Krise, der mit einem Messer agierte, wurde von Beamten mit Maschinenpistolen getötet, nachdem das einzige nicht-letale Mittel im Einsatzrepertoire versagt hatte.
Die Frage, die der Fall aufwirft, ist nicht die nach dem Verschulden der einzelnen Beamten, sondern die nach der Einsatzarchitektur. Deutsche Polizeieinheiten verfügen über kein standardisiertes Protokoll für den Umgang mit psychisch erkrankten Personen in akuten Krisensituationen. Die Ausbildung in Krisenintervention variiert zwischen den Bundesländern. Spezialisierte mobile Krisenteams, wie sie in einigen skandinavischen und angelsächsischen Ländern unter Bezeichnungen wie Crisis Intervention Team existieren, gibt es in Deutschland nicht. Was bleibt, ist die Regelstreifen mit der Standardbewaffnung.
Der Dortmunder Fall gehört zu einem Muster, das 2024 seinen statistischen Höhepunkt erreichte. In jenem Jahr erschoss die Polizei 22 Menschen, die höchste Zahl seit 1976. Von den 22 Getöteten befanden sich 13 in einer dokumentierten psychischen Krise. Der Befund ist eindeutig: Die Polizei ist in Deutschland die erste und einzige Instanz, die auf bewaffnete Personen in psychischen Ausnahmesituationen reagiert. Das Ergebnis dieser Monopolstellung ist eine steigende Zahl tödlicher Einsätze gegen Menschen, deren primäres Problem kein kriminelles, sondern ein medizinisches ist.
Die Debatte nach Dortmund folgte dem üblichen Muster. Die Polizeigewerkschaften betonten die Eigengefährdung der Beamten. Die Zivilgesellschaft forderte Alternativen zur letalen Gewalt. Nordrhein-Westfalen kündigte die Prüfung von Kriseninterventionsmodellen an. Eine strukturelle Reform, die psychische Krisenlagen aus dem polizeilichen Alleinzuständigkeitsbereich herauslöst, wurde in keinem Bundesland eingeleitet.
Wer einen Jungen in einer Krise nur mit einer Maschinenpistole erreichen kann, hat kein Waffenproblem. Er hat eine Lücke dort, wo ein Team stehen müsste, das keine Waffe braucht.
Quelle: ZDF heute