Kriminologische Nova · 2022-12-31 · Berlin-Neukölln · 2 Min.
Silvester-Hinterhalte auf Einsatzkräfte in Berlin
Die taktische Struktur der Silvester-Angriffe 2022/23 in Berlin, bei denen Feuerwehrfahrzeuge durch brennende Barrikaden angelockt und von maskierten Gruppen systematisch geplündert und beschossen wurden, markiert den Übergang von spontaner Silvester-Aggression zu operativ geplanter Sabotage der Rettungsinfrastruktur.
Wer Barrikaden errichtet, um Löschfahrzeuge anzulocken, und dann deren Ausrüstung plündert, betreibt keine Randale, sondern Logistik.
Die Silvesternacht 2022/23 in Berlin unterschied sich von ihren Vorgängerinnen nicht durch die Intensität der Gewalt, sondern durch deren Architektur. Auf der Hermannstraße in Neukölln stoppte eine brennende Barrikade ein Löschfahrzeug der Berliner Feuerwehr. Was folgte, war kein spontaner Angriff, sondern eine Sequenz mit Rollenverteilung. Rund 25 maskierte Personen stürmten das Fahrzeug, rissen die Rollläden auf, entwendeten Ausrüstung und feuerten mit Waffen auf das Fahrzeug. Die Besatzung konnte sich in die Fahrerkabine retten.
Die Berliner Feuerwehr dokumentierte in dieser einen Nacht 14 gleichartige Hinterhalt-Angriffe, bei denen Barrikaden als Köder und anschließende koordinierte Überfälle auf die eintreffenden Einsatzkräfte das wiederkehrende Muster bildeten. In der High-Deck-Siedlung in Neukölln wurde ein Reisebus in Brand gesetzt, um Löschfahrzeuge anzulocken. An anderer Stelle wurden fingierte Notrufe abgesetzt, die Rettungsfahrzeuge in vorbereitete Engstellen führten. Die Feuerwehr sprach von einer »völlig neuen Intensität der Angriffe«.
Die Bilanz der Nacht: 145 Festnahmen, über 40 verletzte Einsatzkräfte, davon 18 Polizeibeamte und 15 Feuerwehrleute und Sanitäter. In ganz Deutschland wurden ähnliche, wenn auch weniger organisierte Angriffe registriert, unter anderem in Bonn, Dortmund, Essen und Hamburg. Der Bundesinnenminister zeigte sich »fassungslos«, die Gewerkschaft der Polizei forderte ein bundesweites Böllerverbot.
Die strukturelle Anomalie liegt nicht in der Zahl der Verletzten, sondern in der Tatlogik. Was die Angreifer ausführten, war taktisch strukturiert. Die brennende Barrikade als Lockmittel, die Maskierung als Vorbereitung, die Plünderung der Ausrüstung als Ziel, der Beschuss des abfahrenden Fahrzeugs als Absicherung. Dieses Muster setzt Planung voraus, keine Alkoholisierung. Es setzt voraus, dass jemand weiß, welche Route ein Löschfahrzeug nimmt und welche Engstellen seine Flucht verhindern. Und es setzt voraus, dass der Angriff auf die Feuerwehr nicht Nebeneffekt, sondern Zweck ist.
Die Feuerwehr reagierte mit einer operativen Anpassung, die selbst zum Befund wird. Seit 2023 fahren Löschfahrzeuge in bestimmten Berliner Bezirken in der Silvesternacht nur noch mit Polizeischutz. Die Erkundung des Einsatzortes vor dem Einbiegen gehört zum neuen Protokoll. Ein Rettungsdienst, der bewaffnete Eskorte benötigt, um Menschen zu retten, hat die Grenze überschritten, an der zivile Infrastruktur als selbstverständlich gelten kann.
Dass die Silvester-Gewalt gegen Einsatzkräfte 2024/25 in nahezu identischem Muster wiederkehrte, bestätigt, was die Nacht 2022/23 erstmals zeigte. Die Angriffe sind kein Ausreißer, sondern ein Protokoll.
Wer ein Löschfahrzeug lockt, um es zu überfallen, hat nicht den Staat als Feind identifiziert, sondern die Abwesenheit des Staates als Voraussetzung eingeplant.
Quelle: t-online