Kriminologische Nova · 2022-06-08 · Berlin-Charlottenburg · 2 Min.
Amokfahrt auf dem Kurfürstendamm in Berlin
Ein 29-Jähriger steuerte seinen Kleinwagen am Berliner Kurfürstendamm mit hoher Geschwindigkeit in eine Gruppe von Schülern und Passanten, tötete eine Lehrerin und verletzte über 30 Menschen, wobei die Tat die prinzipielle Unabwehrbarkeit von Fahrzeugangriffen in nicht durch Poller geschützten Fußgängerbereichen demonstrierte.
Ein Auto, ein Gehsteig, dreißig Verletzte. Gegen dieses Tatmittel gibt es keine Waffenbehörde.
Am Vormittag des 8. Juni 2022 fuhr ein 29-Jähriger mit seinem Renault Clio auf dem Kurfürstendamm in Berlin-Charlottenburg mit hoher Geschwindigkeit auf den Gehsteig und in eine Gruppe von Passanten und Schülern einer Berliner Oberschule, die sich auf einem Ausflug befanden. Eine 51-jährige Lehrerin wurde getötet. Über 30 Personen erlitten Verletzungen, mehrere davon lebensgefährlich. Das Fahrzeug durchbrach eine Schaufensterscheibe und kam erst in einem Geschäft zum Stehen.
Die Ermittlungen ergaben, dass der Täter psychisch schwer erkrankt war. Psychiatrische Gutachten diagnostizierten eine paranoide Schizophrenie. Das Landgericht Berlin ordnete die dauerhafte Unterbringung in einer forensischen Psychiatrie an, nachdem es den Angeklagten als schuldunfähig zum Tatzeitpunkt eingestuft hatte. Ein politisches Motiv, das in den ersten Stunden nach der Tat diskutiert wurde, ließ sich nicht belegen. Im Fahrzeug wurden Plakate mit wirren Botschaften gefunden, die dem psychotischen Zustandsbild zugeordnet wurden.
Die Tat reproduzierte ein Muster, das seit dem Anschlag auf den Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016 in Deutschland bekannt ist und das international seit dem Nizza-Anschlag von 2016 als eigenständige Angriffskategorie analysiert wird. Ein Fahrzeug als Waffe gegen ungeschützte Fußgänger in verdichteten Stadträumen ist weder durch Waffenkontrollen noch durch herkömmliche Sicherheitsmaßnahmen zu verhindern. Die einzige physische Gegenmaßnahme sind Poller und Barrieren, deren Installation in deutschen Innenstädten nach dem Breitscheidplatz-Anschlag punktuell begonnen, aber nie flächendeckend umgesetzt wurde.
Der Kurfürstendamm, eine der meistfrequentierten Einkaufsstraßen Berlins, war zum Zeitpunkt des Angriffs nicht durch Poller gesichert. Die breiten Gehsteige boten dem Fahrzeug den Raum, den es brauchte. Die Geschwindigkeit ließ den Fußgängern keine Reaktionszeit. Zwischen dem Moment, in dem der Wagen den Gehsteig erreichte, und dem Aufprall in der Schaufensterscheibe lagen Sekunden, in denen über dreißig Menschen verletzt wurden.
Die Berliner Innenverwaltung kündigte nach der Tat eine Ausweitung des Pollerprogramms an. Die Umsetzung verlief schleppend. Sechs Jahre nach dem Breitscheidplatz und im selben Jahr wie der Kurfürstendamm-Angriff verfügten die meisten Berliner Fußgängerzonen und Flaniermeilen weiterhin über keinen physischen Schutz gegen Fahrzeugeinbrüche. Die Kosten pro Polleranlage und die Zuständigkeitsfragen zwischen Bezirken und Senat verlangsamten ein Programm, das nach jedem Angriff als dringend bezeichnet wurde.
Ein Gehsteig ohne Poller ist kein Versäumnis, sondern eine Einladung, die nur deshalb nicht als solche gilt, weil der nächste Angriff noch nicht stattgefunden hat.
Quelle: Der Tagesspiegel