Kriminologische Nova
Hellmuth

Kriminologische Nova · 2023-05-27 · Hamburg-Niendorf, Hamburg · 2 Min.

Rassistischer Mordversuch durch Schuss durch die Wohnungstür in Hamburg-Niendorf

Ein 48-Jähriger schoss am Abend des 27. Mai 2023 mit einem Winchestergewehr durch die geschlossene Wohnungstür seiner schwangeren Nachbarin in Hamburg-Niendorf, wobei die Kugel die Tür durchschlug und nur durch Zufall niemanden traf, und bei der Wohnungsdurchsuchung SS-Runen, ein Hitlerporträt sowie Material des Ku-Klux-Klan gefunden wurden, während Polizei und Wohnungsgesellschaft die monatelangen rassistischen Drohungen des Täters zuvor als Nachbarschaftsstreit eingeordnet hatten.

Er schoss durch die Wohnungstür seiner schwangeren Nachbarin. Die Polizei hatte seine Drohungen als Nachbarschaftsstreit abgelegt.

Am Abend des 27. Mai 2023, gegen 21:45 Uhr, feuerte ein 48-jähriger Mann mit einem Winchestergewehr durch die geschlossene Wohnungstür seiner Nachbarin in Hamburg-Niendorf. Die Kugel durchschlug die Tür, durchquerte den Flur und blieb in einer Kommode stecken. Die 24-jährige Nachbarin, die zu diesem Zeitpunkt schwanger war, stand in der Nähe der Tür. Durch reinen Zufall wurden sie und eine weitere anwesende Person physisch nicht verletzt. Sie wurde vorsorglich ins Krankenhaus gebracht.

Die Vorgeschichte war dokumentiert, aber nicht als das erkannt worden, was sie war. Über Monate hatte der Täter seine Nachbarn mit rassistischen Beschimpfungen und Drohungen belästigt. In einer WhatsApp-Gruppe schrieb er, gegen das »Ungeziefer« im Haus helfe nicht die Polizei, sondern »der Kammerjäger«. Mehrere Meldungen an die Polizei und die Wohnungsgesellschaft blieben ohne wirksame Konsequenz. Die Vorfälle wurden als Nachbarschaftsstreit kategorisiert.

Die Durchsuchung der Wohnung des Täters nach dem Schuss offenbarte die ideologische Grundlage. Die Beamten fanden einen Dolch mit SS-Runen, ein Hitlerporträt, Material des Ku-Klux-Klan und der NPD sowie weitere Schusswaffen. Die Sammlung zeichnete das Bild eines Menschen, dessen Gewalthaltung keine spontane Eskalation war, sondern einem geschlossenen rechtsextremen Weltbild entsprang.

Im Dezember 2023 verurteilte das Landgericht Hamburg den Angeklagten zu sieben Jahren Freiheitsstrafe wegen versuchten Mordes und Waffendelikten. Das Gericht erkannte ausdrücklich den antimuslimischen Rassismus als Tatmotiv an. Der Vorsitzende Richter kritisierte, dass der Angeklagte seine Tat und seine Ideologie bis zuletzt bagatellisiert habe. Der Bundesgerichtshof erklärte das Urteil für rechtskräftig.

Opferberatungsstellen und Prozessbeobachter stellten fest, dass die Polizei und die Wohnungsgesellschaft trotz wiederholter Meldungen nicht eingegriffen hatten. Die Kategorisierung als Nachbarschaftsstreit hatte die rassistische Dimension unsichtbar gemacht, eine Kategorisierung, die in der Bearbeitungspraxis deutscher Polizeidienststellen bei Vorfällen zwischen Bewohnern desselben Hauses systematisch bevorzugt wird, weil sie niedrigere Bearbeitungsprioritäten und geringere Dokumentationspflichten auslöst.

Wenn ein Neonazi monatelang droht und die Polizei einen Nachbarschaftsstreit vermerkt, hat die Polizei die Kategorie gewählt, die keine Konsequenz auslöst.

Quelle: taz

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