Kriminologische Nova
Hellmuth

Kriminologische Nova · 2023-05-11 · Ratingen, Nordrhein-Westfalen · 2 Min.

Benzin-Brandanschlag auf neun Einsatzkräfte bei Wohnungskontrolle in Ratingen

Ein 57-Jähriger schleuderte neun Einsatzkräften von Polizei, Feuerwehr und DRK bei einer routinemäßigen Wohnungskontrolle eine große Menge Benzin entgegen und entzündete sie, wobei drei Retter lebensgefährliche Verbrennungen erlitten und die Tat eine strukturelle Schutzlücke bei sogenannten Welfare-Checks offenlegte.

Neun Retter klingelten an einer Tür, hinter der jemand auf sie wartete. Das Protokoll sah das nicht vor.

Am 11. Mai 2023 führten Einsatzkräfte in Ratingen-West eine Wohnungskontrolle durch, eine jener Routinemaßnahmen, die im behördlichen Sprachgebrauch als Welfare-Check firmieren. Als die Tür geöffnet wurde, schleuderte ein 57-jähriger Bewohner eine große Menge Benzin auf die neun anwesenden Beamten und Rettungskräfte und entzündete die Flüssigkeit. Neun Personen erlitten Brandverletzungen, drei davon lebensgefährliche. Zwei Feuerwehrleute mussten in ein künstliches Koma versetzt werden.

Der Täter hatte die Falle vorbereitet. Ermittlungen ergaben, dass er vorab Benzin bereitgestellt und die Kontrollsituation als Gelegenheit eingeplant hatte. Das Landgericht Düsseldorf verurteilte ihn wegen neunfachen versuchten Mordes und besonders schwerer Brandstiftung zu lebenslanger Freiheitsstrafe mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld.

Die strukturelle Anomalie des Falls liegt nicht in der Brutalität der Tat, sondern in der Schutzlosigkeit des Verfahrens, das sie ermöglichte. Welfare-Checks gehören zum Standardrepertoire kommunaler Gefahrenabwehr. Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst klingeln an einer Wohnungstür, weil Nachbarn, Vermieter oder Behörden Anlass zur Sorge sehen. Das Protokoll sieht keine Sicherheitsstufen vor, die zwischen einer harmlosen Kontrolle und einem potenziellen Hinterhalt unterscheiden. Die Einsatzkräfte betreten den Gefahrenbereich in derselben Aufstellung, ob der Bewohner gestürzt ist oder eine Waffe hält.

Ratingen war kein singulärer Ausfall, sondern die extreme Realisierung eines alltäglichen Risikos. Die Feuerwehr dokumentierte im selben Jahr bundesweit einen Höchststand von 687 Gewaltdelikten gegen Feuerwehrleute. Das BKA-Bundeslagebild 2023 verzeichnete 46.218 Fälle von Gewalt gegen Polizeibeamte, ein Anstieg um acht Prozent. Die Einsatzkräfte, die in Ratingen verbrannten, standen am Ende einer statistischen Kurve, die seit Jahren nach oben zeigt, ohne dass die Einsatzprotokolle dieser Kurve gefolgt wären.

Nach dem Anschlag diskutierten Feuerwehrverbände über Schutzausrüstung, Risikoabfragen vor Türöffnungen und die Frage, ob Welfare-Checks generell nur mit Polizeibegleitung durchgeführt werden sollten. Keine dieser Maßnahmen wurde bundesweit standardisiert. Die Reaktion blieb regional, freiwillig und von der jeweiligen Dienstvorschrift abhängig.

Wer neun Retter in eine Flamme schickt, hat nicht das Rettungssystem angegriffen, sondern dessen Annahme widerlegt, dass hinter verschlossenen Türen nichts wartet.


Quelle: Feuerwehr Magazin

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