Kriminologische Nova · 2023-06-09 · Altbach, Baden-Württemberg · 2 Min.
Handgranatenwurf auf Trauerfeier in Altbach
Der gezielte Wurf einer militärischen Handgranate auf eine Trauergemeinde in Altbach, bei dem 15 Personen durch Stahlkugeln verletzt wurden, markierte die Eskalation des Stuttgarter Bandenkriegs von Schusswaffen zu Kriegswaffen und stellte die bisherige kriminologische Kategorisierung organisierter Gewalt in Deutschland in Frage.
Wer eine Handgranate auf einen Friedhof wirft, hat die Kategorie gewechselt. Nicht den Gegner, sondern die Grammatik der Gewalt.
Am 9. Juni 2023 warf ein 23-Jähriger während einer Trauerfeier auf dem Friedhof in Altbach bei Esslingen gezielt eine Handgranate in Richtung der Trauergemeinde. Der Sprengkörper traf einen Baum, wurde abgelenkt und detonierte etwa 30 Meter von den Trauernden entfernt. Die Stahlkugelsplitter der Granate verletzten 15 Personen, mehrere davon schwer. Das Landgericht Stuttgart verurteilte den Täter wegen versuchten Mordes in 15 tateinheitlichen Fällen zu zwölf Jahren Haft.
Die Tat war keine isolierte Eskalation, sondern der Scheitelpunkt einer Serie. Seit dem Sommer 2022 führten zwei rivalisierende Gruppierungen im Großraum Stuttgart einen Bandenkrieg, der in Polizeiakten als »Stuttgarter Schusswaffen-Serie« dokumentiert ist. Im März 2023 wurde ein mutmaßlicher Anführer vor einer Shisha-Bar in Stuttgart-Zuffenhausen angeschossen und ist seitdem querschnittsgelähmt. Im April 2023 fielen Schüsse auf eine Shisha-Bar in Plochingen. Am selben Wochenende wurde ein 18-Jähriger auf einem Parkplatz in Asperg erschossen. Die Polizei richtete die 40-köpfige »Sonderkommission Goethe« ein.
Altbach überschritt eine Schwelle, die in der bisherigen Chronik organisierter Kriminalität in Deutschland nicht vorkam. Der Einsatz einer militärischen Handgranate auf einem zivilen Friedhof verlagerte den Konflikt aus dem Koordinatensystem von Schusswaffen und gezielten Tötungen in die Logik von Kriegswaffen und Flächenwirkung. Das Ziel war nicht eine einzelne Person, sondern eine Versammlung. Die Stahlkugeln unterscheiden nicht zwischen dem Feind und dem Trauernden, der neben ihm steht.
Die Frage, woher eine funktionsfähige Handgranate in einem innerstädtischen Bandenkonflikt stammt, führte die Ermittler an die Grenzen des nationalen Waffenhandels. Das BKA registrierte in den Folgemonaten einen Anstieg illegaler Kriegswaffenfunde im Kontext organisierter Kriminalität, ohne den Beschaffungsweg im konkreten Fall öffentlich zu klären. Die Schwelle zwischen organisierter Kriminalität und bewaffnetem Konflikt, die in Schweden seit Jahren Gegenstand sicherheitspolitischer Debatten ist, wurde in Altbach erstmals auf deutschem Boden berührt.
Die Polizei nahm im Zusammenhang mit der gesamten Stuttgarter Serie etwa 60 Personen fest. Die Eskalationskurve verlief von Fäusten über Messer über Schusswaffen bis zur Kriegswaffe. Jede Stufe widerlegte die Annahme, dass die vorherige das Maximum gewesen sei.
Friedhöfe haben keine Sicherheitsschleusen, weil Trauer als waffenfrei gilt. Altbach zeigte, dass diese Annahme in bestimmten Milieus nicht mehr gilt, und dass es kein Protokoll gibt, das sie ersetzen könnte.
Quelle: Stuttgarter Nachrichten