Forschung · 2026-06-11 · 1 Min. Preprint, nicht peer-reviewed
Wert kommt nicht mehr an
Angst und Depression verzerren Entscheidungen nicht durch übertriebene Vorsicht, sondern durch eine geschwächte Übersetzung von Wert in Evidenz.
Ein Preprint auf bioRxiv, noch nicht peer-reviewed, prüft eine alte Streitfrage: Verstärken affektive Symptome die Bedrohungsvermeidung oder dämpfen sie den Antrieb. Zwei unabhängige Kohorten aus den USA und Indien bewerteten riskante Wetten, während EEG die zentroparietale Positivität als Marker der Evidenzakkumulation aufzeichnete. Klassische Prospect-Theory-Parameter wie Risiko- und Verlustaversion korrelierten kaum mit der Symptomschwere, was die gängige Lesart von Angst als Risikoscheu unterläuft. Hierarchische Drift-Diffusion-Modelle zeigten stattdessen, dass höhere Symptomwerte die Wertsensitivität während der Evidenzakkumulation senken, während die Entscheidungsvorsicht intakt bleibt. Die Störung sitzt damit nicht am Ausgang der Entscheidung, sondern an der Schnittstelle, an der ein objektiver Wert überhaupt erst zu einem inneren Argument wird.
Wer depressiv oder ängstlich entscheidet, wählt nicht falsch. Das Richtige erreicht ihn nur leiser.
Quelle: bioRxiv Neuroscience