Kriminologische Nova · 2023-09-16 · Stuttgart-Hallschlag, Baden-Württemberg · 2 Min.
Straßenschlacht bei eritreischer Veranstaltung in Stuttgart
Zwei Monate nach Gießen reproduzierte sich das Muster transnationaler Stellvertretergewalt in Stuttgart mit gesteigerter Intensität — 39 verletzte Polizeibeamte und der Einsatz vorbereiteter Waffen markieren den Übergang von spontaner Versammlungsgewalt zu organisierter Konfrontation.
Die Gewalttopographie von Gießen wiederholte sich in Stuttgart — mit höherem Bewaffnungsgrad und einem Verletzungsbild, das an Straßenkampf erinnert.
Die Stuttgarter Gewalt vom September 2023 erweist das Gießener Muster als reproduzierbar — und steigert es. Bei einer eritreischen Diaspora-Veranstaltung im Stadtteil Hallschlag kam es zu Gewaltszenen, die die Gießener Eskalation zwei Monate zuvor in Intensität und Bewaffnungsgrad übertrafen. Über 300 Polizeibeamte waren eingesetzt, 39 von ihnen erlitten Verletzungen — eine Zahl, die in der deutschen Polizeidienststatistik einen extremen Ausreißer darstellt.
Die qualitative Verschiebung gegenüber Gießen zeigt sich im Mittelspektrum der Gewalt. In Gießen waren es Steine, Flaschen, Rauchbomben — Wurfgeschosse, die der spontanen Verfügbarkeit im urbanen Raum entsprechen. In Stuttgart verwendeten die Angreifer nagelbesetzte Holzlatten und Metallstangen. Diese Waffen fallen nicht bei einer spontanen Eskalation an. Sie müssen vorbereitet, mitgebracht, verteilt werden. Das Vorhandensein improvisierter, aber zweckoptimierter Nahkampfwaffen deutet auf einen Organisationsgrad hin, der über die Dynamik einer Massenaufwallung hinausgeht und auf Vorbereitung schließen lässt. Die Gewaltintensität erinnerte an Straßenkampf — ein Begriff, der in der kriminologischen Einordnung von Versammlungsgewalt selten Anwendung findet und hier dennoch näher an der Realität liegt als jede euphemistische Kategorisierung als »Ausschreitungen bei einer Kulturveranstaltung«.
Die Reproduzierbarkeit des Musters ist die eigentliche diagnostische Erkenntnis. Was in Gießen noch als singuläres Ereignis gelesen werden konnte — eine Überforderung der kommunalen Sicherheitsplanung durch einen unvorhergesehenen Konflikttransfer —, erwies sich in Stuttgart als Schablone. Transnationaler Konflikt, der sich über Diaspora-Netzwerke materialisiert, trifft auf eine Polizeistruktur, die für innenpolitische Konfrontationsszenarien aufgestellt ist, nicht für die paramilitärische Austragung geopolitischer Spannungen auf kommunaler Ebene. Die Polizei wird zur Pufferzone zwischen Konfliktparteien, deren Anliegen sie weder kennt noch beeinflussen kann und deren Gewaltbereitschaft sie mit den Mitteln der Einsatztaktik beantworten muss. Die Einsatzkonzepte, die für Demonstrationen oder Fußballspiele entwickelt wurden, greifen in dieser Konstellation nicht, weil der Konfliktgegenstand für die Einsatzleitung unlesbar bleibt.
Die Verletzungszahl von 39 Beamten in einem einzelnen Einsatz verlangt nüchterne Kontextualisierung. Bei Großdemonstrationen, Fußballeinsätzen oder politischen Krawallen liegen die Verletzungszahlen in der Regel deutlich niedriger, gemessen an der Einsatzstärke. Stuttgart-Hallschlag produzierte eine Verletzungsquote, die darauf hindeutet, dass die Gewalt nicht reaktiv war, sondern aktiv, gezielt und koordiniert gegen die Einsatzkräfte gerichtet. Die nagelbesetzten Latten waren keine Zufallsfunde — sie waren Angriffswaffen gegen Uniformierte.
Gießen war die Warnung. Stuttgart war der Beweis, dass sie nicht gehört wurde.
Quelle: Stuttgarter Zeitung