Kriminologische Nova
Hellmuth

Kriminologische Nova · 2023-11-17 · Essen, Bochum, Dortmund, Nordrhein-Westfalen · 2 Min.

Koordinierte Anschlagsserie auf Synagogen in Nordrhein-Westfalen

In einer einzigen Nacht wurden Synagogen und jüdische Einrichtungen in Essen, Bochum und Dortmund durch Schüsse und Brandanschläge attackiert, wobei die koordinierte Mehrstadt-Serie mit Hinweisen auf eine mögliche ausländische staatliche Steuerung eine neue Eskalationsstufe antisemitischer Gewalt in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023 markierte.

Drei Städte, eine Nacht, ein Muster. Was als Einzeltat erscheint, wird als Serie zur Infrastruktur.

Am 17. November 2023 wurden in drei nordrhein-westfälischen Städten nahezu zeitgleich jüdische Einrichtungen angegriffen. In Essen feuerte ein Unbekannter Schüsse auf das Rabbinerhaus der Alten Synagoge ab. In Bochum wurde ein Molotow-Cocktail auf eine an eine Synagoge angrenzende Schule geworfen. In Dortmund versuchten Täter, die Synagoge in Brand zu setzen. Die Polizei nahm am folgenden Tag einen 35-jährigen Tatverdächtigen fest. Die Ermittlungsbehörden fanden Hinweise auf eine mögliche Einflussnahme durch einen ausländischen Staat.

Die Serie unterschied sich von den antisemitischen Einzeltaten, die in den Wochen nach dem 7. Oktober 2023 bundesweit registriert wurden, durch ihre operative Struktur. Drei Angriffe in drei Städten in einer Nacht erfordern Logistik: Waffen und Brandsätze müssen beschafft, Ziele ausgewählt und Zeitpunkte koordiniert werden. Die bloße Gleichzeitigkeit schließt eine spontane Nachahmung aus. Was die Ermittler vorfanden, war nicht die Wut eines Einzelnen, sondern ein Plan mit Arbeitsteilung.

Die Sicherheitsarchitektur für jüdische Einrichtungen in Deutschland war zum Zeitpunkt der Angriffe bereits auf einem Niveau, das in der Bundesrepublik als hoch galt. Seit dem Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019, bei dem eine verschlossene Holztür den einzigen Schutz darstellte, hatten Bund und Länder die Mittel für den Objektschutz erhöht. Polizeistreifen vor Synagogen, Videoüberwachung und bauliche Sicherungen gehörten zum Standard. Doch dieser Standard war auf den Angriff eines Einzeltäters kalibriert, nicht auf eine koordinierte Serie in drei Städten gleichzeitig. Die Anschlagsnacht vom 17. November zeigte, dass die Sicherheitskonzepte dem Bedrohungsprofil hinterherliefen.

Die mögliche staatliche Steuerung der Angriffe fügte dem Befund eine geopolitische Dimension hinzu, die in der deutschen Debatte über antisemitische Gewalt bislang keine zentrale Rolle gespielt hatte. Die bisherige Bedrohungsanalyse unterschied zwischen rechtsextremem Antisemitismus (Halle-Typus), islamistischem Antisemitismus und dem diffusen Anstieg antisemitischer Straftaten im Kontext des Nahostkonflikts. Die Möglichkeit, dass ein staatlicher Akteur Anschläge auf jüdische Einrichtungen in Deutschland steuert, sprengte diese Kategorien.

Die jüdischen Gemeinden in Nordrhein-Westfalen berichteten in den Folgemonaten von einem veränderten Sicherheitsempfinden. Nicht die Angst vor dem Einzeltäter dominierte, sondern die Ungewissheit über die Reichweite und Wiederholbarkeit koordinierter Angriffe.

Drei Synagogen, eine Nacht, ein Netzwerk. Die Antwort auf Halle war eine Tür. Die Frage nach dem 17. November ist, wie viele Türen gleichzeitig bewacht werden können.


Quelle: Jüdische Allgemeine

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