Kriminologische Nova
Hellmuth

Kriminologische Nova · 2024-05-09 · Neubrandenburg, Mecklenburg-Vorpommern · 2 Min.

Dreistündige Massenschlägerei am Tollensesee

Eine Massenschlägerei mit rund 40 Beteiligten dauert trotz Einsatzes von 60 Polizeibeamten drei Stunden an und offenbart das Versagen konventioneller Deeskalation, wenn Gruppengewalt eine kritische Dauer überschreitet.

Drei Stunden Gewalt trotz 60 Polizeibeamter — wenn die Dauer einer Schlägerei die Einsatzlogik der Polizei übersteigt.

Konventionelle Schlägereien gehorchen einem Zeitmuster: Sie eskalieren schnell, erreichen innerhalb von Sekunden oder Minuten ihren Höhepunkt und lösen sich spätestens mit dem Eintreffen der Polizei auf. Am Himmelfahrtstag 2024 brach dieses Muster. Bei der Eröffnung des Strandbads Broda am Tollensesee in Neubrandenburg eskalierte eine Schlägerei mit rund 40 Beteiligten — und dauerte anschließend rund drei Stunden an, ohne dass die eingesetzten Beamten die Gewalt unterbinden konnten.

60 Polizeibeamte waren im Einsatz. Fünf Personen wurden verletzt, eine davon schwer mit Kopfverletzungen. Bei einem Verdächtigen wurde ein Messer sichergestellt. Rund 2.000 Besucher befanden sich auf dem Gelände, als die Gewalt persistierte — nicht in einer abgeschiedenen Ecke, sondern inmitten einer großen Menschenmenge, die teils zuschaute, teils wich, teils weiterbadete.

Die kriminologische Anomalie liegt nicht in der Größe der Schlägerei, sondern in ihrer Dauer. Gruppenkonflikte dieser Dimension sind polizeilich beherrschbar, solange sie dem üblichen Eskalations-Deeskalations-Zyklus folgen. Was am Tollensesee geschah, entzog sich diesem Zyklus. Die Gewalt flammte immer wieder auf, verlagerte sich räumlich, formierte sich in wechselnden Konstellationen neu. Die Polizei sah sich mit einem Phänomen konfrontiert, für das ihre Einsatztaktik nicht konzipiert ist: einer Schlägerei, die sich wie ein Schwelbrand verhielt, der an einer Stelle gelöscht wird und an einer anderen wieder aufbricht.

Dieses Muster deutet auf eine Gruppenstruktur hin, die sich von der klassischen Zwei-Parteien-Konfrontation unterscheidet. Wenn Gewalt über Stunden anhält, setzt das entweder eine fortlaufende Provokation voraus oder — wahrscheinlicher — eine diffuse Erregung, die sich nicht an einem einzelnen Konfliktpaar festmachen lässt und deshalb durch die Festnahme einzelner Protagonisten nicht beendet werden kann. Die Polizei müsste die gesamte Menge auflösen, um die Gewalt zu beenden — eine Maßnahme, die bei 2.000 Anwesenden unverhältnismäßig wäre und das Problem möglicherweise lediglich verlagert hätte.

Der Himmelfahrtstag hat in Teilen Norddeutschlands eine soziale Codierung, die über den Feiertag hinausgeht: Er markiert den Beginn der Freiluftsaison und ist traditionell mit erhöhtem Alkoholkonsum verbunden. Das Strandbad als Ort, die Jahreszeit als Gelegenheit und die Dynamik einer großen, enthemmten Gruppe bildeten eine Konstellation, die in keiner Einsatzplanung vorgesehen war. Dass eine einzelne Schlägerei die Kapazität von 60 Beamten über drei Stunden binden kann, verschiebt die Parameter polizeilicher Ressourcenplanung.

Drei Stunden sind eine Zeitspanne, in der man einen Film sehen, ein Fußballspiel mit Verlängerung spielen oder eine Prüfung ablegen kann. Dass dieselbe Dauer eine Schlägerei beschreiben kann, die 60 uniformierte Beamte nicht zu beenden vermögen, verschiebt den Begriff dessen, was im öffentlichen Raum als kontrollierbar gilt.


Quelle: Nordkurier

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