Substanz-Index
Hellmuth

Substanz · Molekül

Methylenblau

Werbung: »Umstrittene Off-Label-Substanz aus dem Aquarienbedarf und Färberlabor. Antimalariamittel mit zweifelhafter Reputation, nicht für die Selbstmedikation gedacht.«

Wirkung: Methylenblau ist der erste synthetisch hergestellte Pharmastoff der Geschichte, isoliert 1876 von Heinrich Caro, und seit 1891 in der Klinik gegen Malaria im Einsatz. Ein Stammbaum, der dem Aquarium-Etikett der Werbung nicht ansatzweise gerecht wird. Pharmakologisch funktioniert die Substanz als alternativer Elektronen-Carrier in der mitochondrialen Atmungskette und überbrückt einen defekten Komplex I. Damit ist sie die einzige bekannte kleinmolekulare mitochondriale Rettung mit klinischer Datenlage.

Niedrige Dosen zwischen 0,5 und 4 mg/kg verbessern in einer randomisierten fMRT-Studie an gesunden Erwachsenen Arbeitsgedächtnis und Reaktionszeit, korreliert mit erhöhter Aktivität im präfrontalen Kortex. Eine Phase-II-Studie bei moderater Alzheimer-Demenz dokumentiert nach dem LMTM-Derivat über zwölf Monate Verlangsamung des kognitiven Abfalls. Antidepressive Wirkung ist seit den 1960er Jahren beschrieben und in einer aktuellen randomisierten Studie bei bipolarer Depression bestätigt.

FDA-zugelassen ist die Substanz seit Jahrzehnten für Methämoglobinämie und Cyanid-Vergiftung, jede weitere Indikation gilt als off-label. Im Apothekenregal als »Color Additive« kategorisiert und in der ärztlichen Praxis konsequent gemieden. Eine Substanz mit Alzheimer-, Depressions- und Mitochondrien-Daten findet im Westen den Verschreibungsweg nicht, obwohl sie der erste Wirkstoff der modernen Pharmazie war.

Quellen: Atamna 2008, Rodriguez 2016 (fMRT), Wischik 2008 (LMTM Alzheimer), Alda 2017 (bipolare Depression)

← Alle Substanzen