Lithiumorotat
Werbung: »Sanftes Mikrodosis-Lithium für Stimmung, Klarheit und Neuroprotektion. Natürlich, sicher, gut verträglich. Das vergessene Spurenelement für das moderne Gehirn.«
Wirkung: Lithium ist in der Psychiatrie ein nebenwirkungsreiches Antipsychotikum, eingesetzt nur unter engmaschiger Blutspiegelkontrolle. Die therapeutische Breite ist extrem schmal, jede Überschreitung führt in Toxizität. Nephrotoxizität, Schilddrüsensuppression, Tremor und Diabetes insipidus sind dokumentierte Folgen einer Langzeitbehandlung mit 600 bis 1800 mg Lithiumcarbonat. Kein Psychiater verschreibt Lithium ohne wöchentliche Laborkontrolle in der Einstellungsphase. Der Wirkstoff trägt seine Datenlage als Warnetikett, nicht als Versprechen. Wer Lithium kennt, kennt es als Substanz, deren Wirksamkeit ihren Preis fordert, nicht als sanftes Nahrungsergänzungsmittel mit Wohlfühlprofil.
Im Supplement-Markt taucht Lithium seit kurzem als Lithiumorotat in Dosen von 5 bis 20 mg auf, vermarktet als sicheres Mikrodosis-Lithium für Stimmung und Neuroprotektion. Kontrollierte Humanstudien zur Wirksamkeit dieser Dosen existieren nicht. Die Werbung borgt sich die psychiatrische Datenlage, erhoben bei therapeutischen Dosen, und projiziert sie auf eine zehn- bis hundertfach niedrigere Konzentration ohne jede Dosisbrücke. Das Orotat-Anion soll die Bioverfügbarkeit erhöhen, auch dafür fehlt die belastbare Humanevidenz. Eine Substanz, deren psychiatrischer Einsatz Laborkontrolle erfordert, wird im Biohacker-Kreis als Tagesvitamin angeboten.
Die deutsche Biohacker-Szene reaktiviert Lithium gerade als vergessenes Spurenelement, beruft sich auf ökologische Korrelationsstudien mit Trinkwasser-Lithium und ignoriert, dass dort Mikrogramm-Mengen wirken, nicht Milligramm. Wer 5 mg täglich schluckt, liegt um drei Größenordnungen über dem Trinkwasserwert und um zwei Größenordnungen unter der psychiatrischen Dosis. In dieser Lücke gibt es keine Evidenz, nur Marketing. Das ist Scharlatanerie mit wissenschaftlichem Anstrich. Lithium gehört unter Blutspiegelkontrolle in die Psychiatrie oder ins Trinkwasser, nicht als selbstdosiertes Mikrodosis-Supplement zwischen Vitamin D und Magnesium ins Regal.
Quellen: McKnight 2012 (Lancet Nephrotoxizität), Schou 1997 (therapeutische Breite), Schrauzer 2002 (Trinkwasser-Korrelation)