Kriminologische Nova · 2020-09-19 · Hamburg · 2 Min.
Gruppenvergewaltigung im Hamburger Stadtpark
Die Gruppenvergewaltigung einer 15-Jährigen durch neun jugendliche Täter, die das Geschehen filmten und die Aufnahmen anschließend löschten, exponiert den Systemkonflikt zwischen der Schwere sexualisierter Gruppengewalt und der erzieherischen Logik des Jugendstrafrechts.
Neun Täter filmten die Tat, löschten die Aufnahmen und wurden nach 68 Verhandlungstagen zu Strafen verurteilt, die keiner der Verurteilten vollständig absitzen wird.
Die strukturelle Anomalie des Hamburger Stadtpark-Verfahrens reicht über die Tat hinaus. Sie liegt in der Kaskade von Systembrüchen, die sich zwischen Tatbegehung, Beweissicherung und Urteil auftürmte. Am Abend des 19. September 2020 wurde eine 15-Jährige zwischen 22:45 Uhr und Mitternacht an mehreren Orten innerhalb des Hamburger Stadtparks Opfer von vier aufeinanderfolgenden sexuellen Übergriffen durch eine Gruppe. Das Landgericht Hamburg verurteilte am 28. November 2023, über drei Jahre nach der Tat, neun Angeklagte wegen Vergewaltigung zu Jugendstrafen zwischen einem Jahr und zwei Jahren und neun Monaten. Ein Angeklagter wurde freigesprochen.
Die Aufnahmen, die Zeugen zufolge von mindestens zwei Tatgeschehen angefertigt wurden, waren unmittelbar nach der Tat gelöscht worden und standen weder den Ermittlern noch dem Gericht zur Verfügung. Die Trophäendokumentation, die in der kriminologischen Literatur als Marker gesteigerter Tatintensität gilt, wandelte sich durch die Löschung vom potenziellen Überführungsinstrument zur Beweislücke. Die Staatsanwaltschaft musste über 90 Zeugen und mehrere Sachverständige aufbieten, um über 68 Verhandlungstage eine Indizienkette zu konstruieren, die den Wegfall des direkten Beweismittels kompensierte. Der Prozess wurde damit zum längsten Jugendstrafverfahren in der Hamburger Justizgeschichte.
Die Strafmaße spiegeln den Grundkonflikt des Jugendstrafrechts bei schwerer Gewalt wider. Das Gesetz bemisst die Jugendstrafe nicht nach der Schwere der Tat, sondern nach dem erzieherischen Bedarf des einzelnen Angeklagten. Dieses Prinzip leuchtet bei Eigentumsdelikten intuitiv ein, mündet bei Gruppenvergewaltigung aber in eine Asymmetrie, die für das Opfer als Verhöhnung erfahrbar wird. Maßgeblich für die Strafzumessung waren Werdegang, aktuelle Entwicklung, Therapiebereitschaft und Fähigkeit zur Verantwortungsübernahme. Die Schwere des Tatunrechts erscheint in dieser Logik als ein Faktor unter mehreren, nicht als der bestimmende.
Der Bundesgerichtshof bestätigte die Schuldsprüche im Mai 2025 und machte das Urteil rechtskräftig. Die Revision hatte sich im Wesentlichen gegen die Beweiswürdigung gerichtet. Dieser Angriffspunkt liegt bei einem auf Indizien gestützten Verfahren nahe, wurde vom BGH aber zurückgewiesen. Was als höchstrichterliche Bestätigung der Rechtsanwendung gelesen werden kann, ändert nichts an der Grundspannung des Falls. Neun Täter vergewaltigten eine 15-Jährige über einen Zeitraum von über einer Stunde an wechselnden Orten, und die maximale Einzelstrafe lag bei zwei Jahren und neun Monaten.
Das Stadtpark-Verfahren hat die Debatte über die Leistungsfähigkeit des Jugendstrafrechts bei sexualisierter Gruppengewalt nicht ausgelöst, aber verdichtet. Die Tatstruktur mit mehreren Tätern, mehreren Orten und systematischer Dokumentation samt anschließender Vernichtung übersteigt das Modell des jugendlichen Gelegenheitstäters, an dem sich das Erziehungsstrafrecht orientiert. Ob die Antwort in höheren Strafen, in einer Reform der Strafzumessungskriterien oder in einem spezialisierten Verfahrensrecht für Gruppendelikte liegt, ist eine Frage, die der Gesetzgeber nicht beantwortet hat und die der BGH nicht beantworten kann.
Wer die Tat filmt und die Aufnahme löscht, dokumentiert zweierlei: die Tat und das Bewusstsein, dass sie strafbar ist. Das Strafrecht hat für das erste keine Bilder und für das zweite keinen Tatbestand.
Quelle: Bundesgerichtshof