Kriminologische Nova
Hellmuth

Kriminologische Nova · 2024-07-06 · Berlin-Neukölln · 2 Min.

Gruppengewalt gegen Jugendliche im Berliner Sommerbad

Ein asymmetrisches Zahlenverhältnis von zwanzig gegen zwei Minderjährige in einer beaufsichtigten öffentlichen Freizeiteinrichtung dokumentiert die saisonale Wiederkehr einer Gewaltform, die zur progressiven Versicherheitlichung kommunaler Infrastruktur führt.

Die wiederkehrende Gewalt im Freibad erzwingt eine Sicherheitsarchitektur, die das Freibad als öffentlichen Ort verändert, noch bevor der nächste Vorfall eintritt.

Der Angriff im Sommerbad Gropiusstadt ist kriminologisch anomal wegen des extremen Zahlenverhältnisses: Etwa zwanzig Jugendliche griffen am 6. Juli 2024 zwei Brüder im Alter von 14 und 15 Jahren mit Faustschlägen ins Gesicht an. Das Verhältnis von zehn zu eins gegen Minderjährige in einer beaufsichtigten öffentlichen Einrichtung überschreitet die Schwelle dessen, was die Gewaltforschung als Gruppenkonflikt klassifiziert. Es handelt sich strukturell um ein Überfallschema, das den Opfern keinerlei Gegenwehr ermöglicht und dessen Dynamik durch die Gruppengröße selbst angetrieben wird.

Die Badeeinrichtung in Berlin-Neukölln wurde erstmals in der Saison 2024 vorzeitig geschlossen — eine institutionelle Reaktion, die in ihrer Routiniertheit bemerkenswert ist. Sowohl die Opfer als auch die Angreifer flohen vor Eintreffen der Polizei, was die strafrechtliche Aufarbeitung erheblich erschwerte und auf eine Täterpopulation hindeutet, die mit den Reaktionszeiten der Behörden kalkuliert. Die Flucht beider Seiten erzeugt ein ermittlungstechnisches Vakuum, in dem weder Täteridentifizierung noch Opferbetreuung zeitnah gelingen.

Der Vorfall fügt sich in ein saisonales Muster, das die Berliner Bäderbetriebe seit mindestens 2019 dokumentieren. In jedem Sommer registrieren die Einrichtungen Gewalteskalationen, die zu einer progressiven Kette institutioneller Reaktionen geführt haben: die Einführung privater Sicherheitsdienste, Ausweiskontrollen am Eingang und — als ultima ratio — vorgezogene Schließungen. Jede dieser Maßnahmen verändert den Charakter des Freibads als öffentlichen Ort. Was als niedrigschwellige, preiswerte Freizeitinfrastruktur für alle konzipiert war, transformiert sich schrittweise zu einem kontrollierten Raum mit Zugangsbarrieren, in dem der Aufenthalt an Bedingungen geknüpft ist, die über die bloße Entrichtung des Eintrittspreises hinausgehen.

Die Kriminologie spricht in diesem Kontext von »Versicherheitlichung« — dem Prozess, durch den ein ziviler Raum sicherheitspolitisch aufgeladen wird, wobei die Sicherheitsmaßnahmen selbst den Raum in seiner sozialen Funktion verändern. Das Berliner Sommerbad illustriert diesen Prozess exemplarisch. Die Frage, ob ein Freibad Ausweiskontrollen durchführen soll, ist keine Frage der Bäderpolitik. Sie verweist auf eine Frage der Gewaltgeografie: Welche öffentlichen Räume können ohne permanente Kontrolle existieren, und welche nicht mehr?

Die Asymmetrie von zwanzig gegen zwei enthält eine weitere, selten benannte Dimension. Die Gewalt richtet sich gegen Gleichaltrige — Jugendliche gegen Jugendliche. Die Tätergruppe ist keine Bande im kriminologischen Sinn, sondern eine situativ formierte Masse, die sich im Raum des Freibads zusammenfindet und dort eine Eigendynamik entwickelt, die für den Einzelnen schwer zu verlassen ist. Der Gruppendruck innerhalb solcher Konstellationen ist phänomenologisch besser verstanden als die Frage, warum er sich gerade im Freibad entlädt — jenem Ort, an dem die Abwesenheit von Kleidung, Taschen und Statussymbolen eigentlich die Bedingungen sozialer Distinktion auflöst.

Das Freibad ist der letzte öffentliche Ort, an dem fremde Kinder ohne Anmeldung zusammenkommen. Vielleicht deshalb ist es der erste, der Zugangskontrolle einführt.


Quelle: Der Tagesspiegel

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