Kriminologische Nova · 2024-06-14 · Wolmirstedt · 2 Min.
Angriffsserie während der EM-Übertragung in Wolmirstedt
Die Verknüpfung der zwei Tatorte Wohngebäude und private Gartenparty zu einer sequenziellen Gewalthandlung während eines medialen Großereignisses erzeugt ein Tatmuster, das konventionelle Sicherheitsarchitekturen kategorial unterläuft.
Wenn ein Großereignis die Aufmerksamkeit bündelt, entstehen vorhersehbare Verwundbarkeiten an unvorhersehbaren Orten.
Die Angriffsserie von Wolmirstedt ist kriminologisch anomal, weil sie zwei kategorial verschiedene Tatorte, ein Wohngebäude und eine private Festgesellschaft, zu einer einzigen sequenziellen Gewalthandlung verknüpft, deren Zeitfenster durch ein mediales Großereignis diktiert wird. Während des EM-Eröffnungsspiels Deutschland gegen Schottland am 14. Juni 2024 tötete der Angreifer zunächst einen 23-Jährigen in einem nahegelegenen Wohngebäude. Anschließend drang er in den Garten eines Einfamilienhauses ein, wo eine private Fußball-Übertragungsparty stattfand. Eine 50-jährige Frau und ein 75-jähriger Mann erlitten schwere Verletzungen. Als der Angreifer auf die eintreffenden Polizeibeamten zulief, wurde er erschossen.
Das Tatmuster weicht von der üblichen Phänomenologie öffentlicher Gewalt in mehrfacher Hinsicht ab. Erstens galt der Angriff einer privaten, nur durch Zufall identifizierbaren Zusammenkunft, nicht einer anonymen Menschenmenge. Zweitens richtet sich die Tat gegen Menschen, die gerade alle in die gleiche Richtung schauen, nämlich auf einen Fernseher; eine Logik der Aufmerksamkeitsmaximierung fehlt ihr. Der Übergang vom ersten zum zweiten Tatort ist dabei operativ statt impulsiv, denn der Angreifer musste den Ort wechseln und eine neue Angriffssituation aufsuchen. Dass die Polizei den Angreifer erschoss, als dieser auf die Beamten zulief, beendete die Serie, bevor sie sich womöglich an weitere Adressen fortsetzen konnte. Die Frage, wie viele private Gartenpartys im Umkreis gleichzeitig stattfanden, stellt sich unabhängig vom Ausgang.
Die sicherheitspolitische Dimension des Falls liegt in einem Paradox. Seit dem Terroranschlag auf den Berliner Breitscheidplatz 2016 hat Deutschland ein umfangreiches Arsenal an Schutzkonzepten für öffentliche Großveranstaltungen entwickelt, darunter Betonpoller, Sperrflächen, Videoüberwachung und erhöhte Polizeipräsenz. Die Public-Viewing-Zonen der Europameisterschaft 2024 galten als besonders geschützt. Doch die Gewalt von Wolmirstedt umging die gesicherten Orte und entlud sich in deren privatem Schatten, wo Menschen dasselbe Ereignis verfolgten, aber außerhalb jeder Sicherheitsarchitektur. Die Vorhersehbarkeit privater Zusammenkünfte während medialer Großereignisse erzeugt eine systematische Verwundbarkeit, die durch konventionelle Schutzkonzepte prinzipiell nicht adressierbar ist, weil sie den privaten Raum betrifft.
Kriminologisch beschreibt der Fall eine Tatstruktur, die in der Forschung als »spillover violence« diskutiert wird, also Gewalt, die sich an der Peripherie von Großereignissen entlädt, ohne das Ereignis selbst zu treffen. Die Sicherheitsbehörden können den öffentlichen Veranstaltungsraum härten, doch je dichter die Absicherung öffentlicher Orte wird, desto sichtbarer werden die ungesicherten Nischen im privaten Umfeld. Der Opferkreis (ein 23-Jähriger in einem Wohngebäude, eine 50-Jährige und ein 75-Jähriger auf einer Gartenparty) zeigt zudem, dass die Tat keine demografische Selektion aufwies. Die Gewalt richtete sich gegen diejenigen, die sich am jeweiligen Tatort befanden, nicht gegen eine bestimmte Personengruppe. Was in Wolmirstedt geschah, war ein Angriff, den die Europameisterschaft ermöglichte, indem sie Menschen berechenbar versammelte; ein Anschlag auf das Turnier selbst war es nicht.
Die Gartenparty während des Großereignisses ist die Sicherheitslücke, für die es keinen Poller gibt.
Quelle: ZDF